Woche 19 – Das Nordkapp ruft. Schaffen wir es auch?
- Matthias Fröhlich

- vor 4 Tagen
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Wir sitzen in Kiruna am Feuer, Raclette in der Pfanne. Neben uns ein Pärchen aus der Schweiz. Kennengelernt hier oben, ebenfalls mit einem Van unterwegs. Und das Lustige: auch ein Tourne Mobil wie wir. Die Gespräche hören kaum auf. Geschichten vom Unterwegssein, vom Leben im Van, vom Reisen. Ein richtig schöner Abend am Feuer. Am nächsten Morgen kommen wir vor lauter Quatschen erst gegen Mittag los. Aber kein Stress. Unser Ziel ist das Nordkapp, geplant für Dienstag oder Mittwoch. Dann soll das Wetter am schönsten sein.
Also rollen wir gemütlich von Kiruna Richtung Finnland und weiter nach Norwegen bis nach Kautokeino. Irgendwo mitten im Nirgendwo bleiben wir stehen. Wieder Feuer. Wieder draussen kochen. Diesmal Köttbullar aus der Gusseisenpfanne. Wir lieben diese Abende. Der Blick ins Feuer hat etwas Magisches. Ruhig, warm, entschleunigend. Genau deshalb sind wir unterwegs.
Am nächsten Morgen ändert sich plötzlich alles. Der Wetterbericht hat sich komplett gedreht. Das Zeitfenster mit gutem Wetter verschiebt sich – und zwar nach vorne. Der beste Tag der Woche ist plötzlich heute. Montag. Also rasch alles zusammenpacken und losfahren. Noch 360 Kilometer bis zum Nordkapp. Auf der Karte klingt das nach wenig. Hier oben fühlen sich diese Kilometer aber schnell nach einer halben Ewigkeit an. Kurvige Strassen, Schnee, Eis und immer wieder langsam fahren. Unterwegs halten wir noch bei einem Unfall. Eine Autofahrerin ist mit ihrem Tesla von der Strasse gerutscht. Natürlich stoppen wir und helfen.
Um 15:15 Uhr passieren wir das Ortsschild der Nordkapp Kommune. Endspurt? Leider noch nicht. Von hier sind es immer noch rund 100 Kilometer. Die Strassen werden enger, kurviger und immer winterlicher. Unser Tourne Mobil kämpft sich dem Fjord entlang Richtung Norden. Wir treffen eine Entscheidung: Wenn wir es bis 16:30 Uhr nach Honningsvåg schaffen, fahren wir heute noch hoch. Wir schaffen es.
Ohne Pause geht es weiter. Vorbei an der nördlichsten Stadt Europas, mit nur einem Ziel: das Nordkapp noch bei Tageslicht zu erreichen. Um 17:10 Uhr stehen wir tatsächlich vor der Weltkugel. Geschafft.
Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich keine Tränen in den Augen hatte. Der Moment war magisch. Es fühlte sich an wie damals auf dem Jakobsweg, als wir vor der Kathedrale in Santiago de Compostela standen. Dieses Gefühl, angekommen zu sein. Am Ende Europas. Natürlich wissen wir, dass wir nicht die ersten sind und auch nicht die letzten sein werden. Und ja, es ist Tourismus. Aber trotzdem war dieser Moment für uns etwas ganz Besonderes.
Wir bleiben bis es dunkel wird. Ich lasse noch die Drohne steigen und wir geniessen diesen Ort, so lange es geht.

Übernachten darf man am Nordkapp seit letztem Jahr nicht mehr, also fahren wir später wieder hinunter Richtung Honningsvåg und stellen uns auf einen Parkplatz mit Blick auf die Fischerstadt. Der Tag war lang, stressig und voller Kilometer – aber er hat sich mehr als gelohnt.
Am nächsten Morgen stehen wir mit einem breiten Grinsen auf. Beim Frühstück sagen wir: Komm, wir fahren nochmals hoch. Das Wetter ist ja traumhaft. Unten scheint die Sonne, aber rund 20 Kilometer vor der Schranke ist Schluss. Die Strasse ist gesperrt. Zu gefährlich. Heute darf niemand aufs Nordkapp fahren. In diesem Moment wird uns klar, wie viel Glück wir gestern hatten.
Also fahren wir zurück nach Honningsvåg und nehmen uns Zeit, die kleine Stadt anzuschauen. Rund 2’500 Menschen leben hier, auf der Insel Magerøya, umgeben von Fjorden, Meer und rauer Natur. Honningsvåg gilt als eine der nördlichsten Städte der Welt und lebt heute stark vom Fischfang und vom Tourismus rund ums Nordkapp.
Spannend ist auch ihre Geschichte. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Honningsvåg fast vollständig zerstört. Als sich die deutschen Truppen 1944 aus Nordnorwegen zurückzogen, brannten sie im Rahmen der sogenannten „verbrannten Erde“-Taktik ganze Orte nieder. Auch Honningsvåg wurde fast komplett zerstört. Nur wenige Gebäude überstanden diese Zeit. Die Stadt, die man heute sieht, wurde danach praktisch neu aufgebaut.
Heute wirkt Honningsvåg ruhig, fast gemütlich. Kleine Häuser, ein Hafen voller Fischerboote und immer wieder Kreuzfahrtschiffe, die im Sommer hier anlegen. Wir laufen durch den Ort, trinken einen Kaffee und schauen den Booten im Hafen zu. Nach den intensiven Stunden rund um das Nordkapp tut diese Ruhe gut.
Der Rest der Woche fühlt sich danach fast ruhig an. Das Nordkapp hat einen solchen Höhepunkt gesetzt, dass kaum noch etwas mithalten kann. Also fahren wir langsam wieder Richtung Süden. In Inari in Finnland bleiben wir auf einem Campingplatz stehen. Erst einmal eine heisse Dusche, etwas durchatmen und das Tempo wieder rausnehmen.
Genau so fühlt sich Reisen richtig an.











































































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