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Woche 25 – Litauen, stille Orte und ein ehrliches Fazit zum Baltikum

  • Autorenbild: Matthias Fröhlich
    Matthias Fröhlich
  • vor 23 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Woche 25 unserer Europatour beginnt unspektakulär. Erst noch schnell Material bestellen, damit unser Team zuhause genug Nachschub hat. Ja, wir reisen nicht nur, wir führen unseren Malerbetrieb auch von unterwegs. Dann ein Kaffee, kurz durchatmen, und los geht’s. Litauen.


Ein Ort war für uns gleich zu Beginn prägend: der Berg der Kreuze. Unser erster Stopp in Litauen – und direkt einer, der hängen bleibt. Mitten in der Landschaft, unscheinbar von weitem, und dann stehen sie plötzlich da. Tausende Kreuze, dicht an dicht, gross, klein, aus Holz, aus Metall, schlicht oder verziert. Manche alt und verwittert, andere neu, mit Namen, Botschaften oder Fotos. Der Ursprung reicht weit zurück, als Zeichen des Glaubens, aber auch des Widerstands. Gerade in der Sowjetzeit wurden die Kreuze immer wieder entfernt, und trotzdem kamen ständig neue dazu. Genau das spürt man heute noch. Es ist ruhig dort, obwohl viele Menschen unterwegs sind. Kein klassischer Sightseeing-Spot, eher ein Ort, durch den man einfach geht, schaut und wirken lässt. Das leise Klirren der kleinen Kreuze im Wind bleibt irgendwie im Kopf.


Am nächsten Tag landen wir an einem Ort, der sofort etwas auslöst. Mitten im Wald, unscheinbar, fast versteckt, stossen wir auf ein ehemaliges Atomwaffenlager aus der Sowjetzeit. Kaum vorstellbar, dass hier einmal Waffen lagen, die ganze Städte hätten auslöschen können. Heute ist es ruhig. Die Natur holt sich alles zurück, Bäume wachsen über Beton, Vögel statt Soldaten. Und trotzdem liegt da etwas in der Luft, das sich nicht ganz erklären lässt. Wir überlegen kurz, hier zu übernachten, entscheiden uns dann aber dagegen. Zu viel Müll, ungeeignet für unsere Hunde. Also fahren wir weiter und finden nur ein paar Kilometer entfernt genau das Gegenteil: einen ruhigen Platz direkt am See.


An solchen Orten passiert nicht viel – und genau das macht sie besonders. Schiebetür auf, frische Luft rein, Pfanne raus. Es gibt Resteessen: ein paar Pilze, Paprika, Zwiebeln, Tomaten, ein kleiner Schuss Weisswein, dazu Nudeln. Mehr braucht es nicht. Und genau in solchen Momenten fühlt sich alles richtig an.


Nächster Tag. Kaunas überrascht uns. Rund 300’000 Einwohner, zweitgrösste Stadt Litauens, und zwischen den Weltkriegen sogar Hauptstadt, weil Vilnius damals zu Polen gehörte. Ein Teil dieser Geschichte ist bis heute sichtbar, vor allem in der Architektur. Viel Bauhaus, klar, funktional, teilweise rau. Kaunas gilt als eine der wichtigsten Städte Europas für diesen Stil. 2022 war die Stadt Kulturhauptstadt Europas, und man merkt das noch. Kunst im öffentlichen Raum, kreative Ecken, ohne dass alles geschniegelt wirkt. Die Mischung macht’s: alte Kirchen, breite Plätze, sowjetische Relikte, moderne Cafés. Nichts perfekt, aber genau das bleibt hängen. Kaunas versucht nicht zu gefallen, es ist einfach da.


Bevor wir weiter nach Vilnius fahren, steht noch ein Stopp bei Depo an. Ein Baumarkt, aber in einer anderen Liga. Eine Mischung aus Bauhaus, Landi und Jumbo, einfach grösser. Und dann nochmal grösser. Hier gibt es wirklich alles. Man läuft rein für „nur kurz schauen“ und steht eine Stunde später immer noch irgendwo zwischen Gartenabteilung und Farbenregal. Wir kennen das inzwischen.


Vilnius fühlt sich wieder ganz anders an. Eine Stadt, die man nicht sofort versteht. Die Stimmung wechselt ständig. Eine enge Gasse, still und ruhig, zwei Ecken weiter plötzlich Leben, Stimmen, Cafés. Über 40 Kirchen gibt es hier, und sie tauchen überall auf, mal gross, mal versteckt zwischen Häusern. Die Geschichte ist komplex, Litauer, Polen, Russen, Juden – viele Einflüsse, viele Schichten. Man sieht das nicht immer sofort, aber man spürt es. Die Altstadt gehört zu den grössten in Osteuropa, und man kann sich darin verlieren, im besten Sinn. Vilnius ist keine perfekte Stadt, aber eine mit Ecken. Und genau das macht sie spannend.

In Vilnius gingen wir dann noch „traditionell litauisch“ essen. Es gab: Wiener Schnitzel. Kein Witz. Genau das. Und ja, es war richtig gut. Knusprig, saftig, so wie es sein soll. In dieser Stadt gibt es einfach alles. Du rechnest mit regionaler Küche und sitzt plötzlich vor einem perfekt gemachten Schnitzel. Wir hatten nicht viel erwartet und wurden genau deshalb positiv überrascht. Manchmal sind es genau diese kleinen, unerwarteten Momente, die hängen bleiben.


Kaum angekommen, ziehen wir schon wieder weiter. Der Plan steht, Mitte Mai wollen wir in Slowenien sein, zum Treffen bei Tourne Mobil direkt beim Hersteller. Also geht es weiter Richtung Süden.


Vier Wochen Baltikum liegen hinter uns, und sie haben sich ganz anders angefühlt, als wir gedacht hatten. Estland hat uns sofort gepackt, diese Ruhe im Wald, die offiziellen Plätze mitten in der Natur, Feuerstellen, Holz, einfach da. Du stellst dich hin und bist für dich, kein Stress, kein Lärm. Genau so fühlt sich Vanlife an. Lettland kam leiser daher, am Anfang etwas distanziert, und dann bleibst du plötzlich hängen. Fünf Tage auf einer Apfelplantage, obwohl nur eine Nacht geplant war. Genau solche Momente bleiben. Litauen war für uns ein Mix aus Natur, Städten und Kontrasten, weniger klar greifbar, aber trotzdem spannend.


Das Baltikum hat uns gezeigt, wie wenig es braucht. Ein Platz im Wald, ein Feuer, Zeit. Mehr nicht. Und genau das haben wir gesucht.



 
 
 

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