Woche 22 – Drohnenalarm in Estland
- Matthias Fröhlich

- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Anfang Woche 22 verliessen wir Finnland. Unser Fazit blieb gemischt. Helsinki hat uns gefallen, aber mehr auch nicht. Schön, das Land gesehen zu haben, doch der Übergang vom Winter in den Frühling hat uns nicht gepackt. Finnisch Lappland im tiefsten Winter ist bestimmt etwas ganz anderes.

Mit der Fähre ging es von Helsinki nach Tallinn. Estland – ein kleines Land auf der Karte, von dem wir nicht viel erwartet hatten. Umso überraschter waren wir, als es direkt nach der Ankunft losging. Kaum von der Fähre runter, standen wir mitten in der Stadt, fuhren aber bewusst gleich weiter hinaus, denn wir hatten von diesen RMK-Plätzen gehört. Stellplätze mitten im Wald, mit Feuerstelle, Holz und oft sogar WC. Kostenlos. Legal. Es klang fast zu gut, um wahr zu sein.
War es aber nicht.
Schon unser erster Platz war ein Volltreffer. Ruhig, mitten in der Natur, offiziell erlaubt. Wir machten ein Feuer, genossen die Stille und merkten schnell: Estland fühlt sich anders an. Unsere erste Nacht war genau das, was wir gesucht hatten.
Am nächsten Tag schauten wir uns Tallinn an. Die Altstadt überraschte uns mit ihrem Charme. Enge Gassen, alte Mauern, Kopfsteinpflaster, alles sehr gepflegt und erstaunlich ruhig für eine Hauptstadt. Kein Stress, keine Hektik. Man läuft einfach durch und bleibt immer wieder stehen.
Doch es zog uns schnell wieder zurück in die Natur. Finden wir nochmal so einen Platz? Ja. Und wie. Wieder standen wir irgendwo im Nirgendwo, ganz alleine, umgeben von Wald und Ruhe. Wir machten ein Feuer, grillierten Hotdogs und gingen zufrieden ins Bett. Es hätte eine dieser perfekten Nächte werden können.
Bis unsere Handys uns weckten.
Eine SMS. Drohnenalarm. Eine Warnung der Estonia Defence Forces. «Gehen Sie in Deckung, wenn Sie eine Drohne sehen.» Plötzlich war die Ruhe weg. Warum hier? Warum jetzt? Uns war bewusst, dass Russland direkt nebenan liegt, aber ein solcher Moment fühlte sich trotzdem surreal an. Wir suchten nach Informationen, versuchten zu verstehen, was passiert war. Stunden später wurde die Warnung aufgehoben. Nach und nach kam heraus, dass mehrere Drohnen aus Richtung Ukraine unterwegs nach Russland waren und mindestens eine vom Kurs abgekommen sein soll. Sie stürzte nicht weit von uns auf einem Feld ab. Tage zuvor war bereits in der Nähe von Helsinki eine Drohne gefunden worden. Es fühlte sich plötzlich alles näher an, als uns lieb war.
Und genau da begann etwas in uns zu arbeiten. Sollten wir weiterziehen? Oder bleiben?
Wir entschieden uns zu bleiben.
Die Neugier war stärker. Wir wollten wissen, wie es sich anfühlt, so nah an Russland zu sein. Gleichzeitig war da dieses leise Gefühl, vielleicht zu weit zu gehen. Sensationstouristen? Reicht diese Nacht nicht? Muss man noch näher ran?
Und dann standen wir in Narva. Ein Fluss trennt Estland und Russland. Auf der einen Seite wir, auf der anderen Seite ein Grenzposten, den man sonst nur aus den Nachrichten kennt. Es war still. Fast zu still. Und genau das machte es so surreal. Wir schauten rüber, nah wie noch nie, und fühlten uns gleichzeitig sicher. Ein komischer Widerspruch, den man schwer erklären kann.
Nach diesem intensiven Erlebnis zog es uns wieder zurück in die Natur. Nicht weit von der Grenze fanden wir den nächsten RMK-Platz. Wieder alleine, wieder ruhig, wieder dieses Gefühl von Freiheit. Estland schafft hier etwas, das wir so noch kaum erlebt haben. Hunderte solcher Plätze für gerade einmal 1,3 Millionen Einwohner – und mittendrin wir.
Irgendwann war klar: Dieses Land hat uns gepackt. Trotz dieser Nacht, trotz dieser Momente. Vielleicht sogar genau deshalb.
Wir haben uns entschieden zu bleiben. Eine Woche länger. Mehr Zeit für diese Orte, für diese Ruhe, für dieses Gefühl. Unser Fazit: Wir hätten früher kommen sollen.














































































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